Michael Bluemel - Die erste Stufe
 
Die erste Stufe
 

Dem Theokritos klagt' eines Tages
sein Leid Eumenes, der junge Dichter:
"Zwei Jahre ist's nun, dass ich schreibe,
und nur ein einziges Idyll hab' ich geschaffen.

Das ist mein einziges vollendet' Werk.
Weh mir, sie scheint mir hoch,
unendlich hoch, der Dichtkunst Treppe
und von der ersten Stuf', auf der ich stehe,
nie werde ich Unseliger sie erklimmen."
Da sprach Theokritos: "Unpassend ist
dein Wort und auch blasphemisch:
Befindest du dich auf der ersten Stufe,
sei stolz und schaetz dich gluecklich.
Was du bisher erreicht, ist nicht gering,
was du geschaffen, grossen Ruhmes wert.
Denn auch noch diese allererste Stufe,
den Meisten ist sie unerreichbar hoch;
Um diese erste Stufe zu betreten,
musst du mit gutem Recht ein Buerger sein
der Stadt des schoepferischen Denkens.
Unendlich schwer ist es in dieser Stadt,
und selten, dass man eingebuergert wird.
Auf ihren Plaetzen walten strenge Richter,
die nie ein seichter Abenteurer taeuscht.
Was also du erreicht, ist nicht gering,
was du geschaffen, grossen Ruhmes wert.


 

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1899

 

 

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