Briefwechsel mit einem Verleger Deutscher Lyrik

Hochverehrter Herr XY !

 

Es mag Ihnen vielleicht etwas verwunderlich erscheinen, von mir einen Brief zu erhalten. Das heißt, vorausgesetzt, dass Ihnen mein Name noch irgendetwas bedeutet. Wie ich seit meiner Rückkehr feststellen musste, dürfte es um meine Berühmtheit nicht zum Besten stehen. Wohl konnte ich in jeder deutschen Stadt ein Denkmal, das mich mehr oder minder gut darstellt, finden, und Sprachinstitute, die meinen Namen tragen, sind über den gesamten Erdkreis verstreut. Einzig mein Werk ist allerorten recht unbekannt. Hätte ich nicht den Götz geschrieben, der eher eine meiner Jugendsünden war, wäre mein Schaffen schon völlig in Vergessenheit geraten.

Diese Beobachtung ließ in mir den Gedanken reifen, einige meiner zeitlosesten und allgemeinverständlichsten Gedichte neu zu verlegen und als ich vernahm, dass Sie eine Anthologie Deutscher Lyrik herauszugeben beabsichtigen, beschloss ich, Ihnen gleich eines meiner Lieblingskinder anzubieten.

Es stammt aus einer glücklichen Zeitspanne  meines Lebens und heißt:    

         

 Gefunden

 Ich ging im Walde

           So für mich hin,

           Und nichts zu suchen,

           Das war mein Sinn.

 

           Im Schatten sah ich

           Ein Blümchen stehn,

           Wie Sterne leuchtend,

           Wie Aüglein schön.

          

 Ich wollt' es brechen,

           Da sagt' es fein:

           Soll ich zum Welken

           Gebrochen sein?

          

 Ich grub's mit allen

           den Würzlein aus,

           Zum Garten trug ich's

           Am hübschen Haus.

 

           Und pflanzt es wieder

           Am stillen Ort;

           Nun zweigt es immer

           Und blüht so fort.

 Es will mir scheinen, dass diese Verslein vielen Ihrer werten Leser gefallen mögen und ich glaube, Ihrer Zustimmung zur Wiederveröffentlichung sicher zu sein.

                                                                              J.W.v. Goethe

  

Sehr geehrter Herr Goethe !

 Wir haben Ihr Schreiben vom …2000 dankend erhalten.

Leider können wir Ihren botanischen Erguss nicht in unseren Lyrikband aufnehmen. Zwar liest er sich ganz hübsch, aber er entbehrt leider der philosophischen Tiefe moderner deutscher Lyrik. Bei Ihrem Werk handelt es sich doch eher um eine Lieschen-Müller-Wald-und-Wiesen-Romantik.

Wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben, leiten wir Ihr Gedicht an die Monatszeitschrift der Schrebergärtnervereinigung oder an den Alpenverein weiter.

Mit besten Grüßen                                                 XY

  

Hochverehrter Herr XY !

 Wohl fehlt es mir nicht an Wertschätzung für den Alpenverein oder die Schrebergärtnervereinigung, aber ich glaube, meinem Namen doch etwas mehr schuldig zu sein. Schließlich ist es ja mein Bestreben, wieder allgemein gelesen zu werden und in weiterer Folge auch wieder Eingang in die Schulbücher zu finden.

Um nicht starrsinnig zu erscheinen, bin ich aber gerne bereit, einiges an meinem kleinen Werkchen zu ändern, um es dem zeitgenössischen Publikum leichter verständlich zu machen, vorausgesetzt, dass der Grund für Ihre Ablehnung hierin liegen möge.

                                                                             J.W.v.Goethe

 

Sehr geehrter Herr Goethe !

 Ihre angebotene Flexibilität ehrt Sie. Leider ist mit ihrer botanischen Abhandlung nicht viel zu machen.

Zuerst zum rein Zeitgenössischen:

Ein kultiviertes Gedicht reimt sich nicht ! Das gilt fast als ordinär. Großschreibung ist passé.

Moderne Sprache ist undenkbar ohne starke Ausdrücke zu verwenden:

Also alle Ausdrücke, die der Körperregion unterhalb der Gürtellinie entspringen (das kennen Sie noch vom Götz).

 

Und nun zum Inhalt:

Kein Mensch unserer Zeit geht in den Wald, wenn er dort nichts zu suchen hat. Sie sagen es ja selber: „und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“ Vor zweihundert Jahren lag in Ilmenau der Wald wahrscheinlich buchstäblich vor der Türe, jetzt muss man schon ein paar Kilometer mit dem Auto fahren, um einen zu finden. Wenn ein Mensch unserer Zeit das Bedürfnis verspürt, sich in die Natur zurückzuziehen, so geht er in einen Park, meistens um nach einem Besäufnis sein Bedürfnis zu befriedigen. Dass er dann im berauschten Zustand auch noch Blumen ausreißt, ist verwerflich aber verständlich.

Nicht verständlich ist hingegen, dass die Blume, der es ja an den Kragen geht, „fein“ sagt, dass sie damit nicht einverstanden ist. Sie müsste brüllen, damit das besoffene Schwein sie nicht abreißt.

Im nächsten Absatz kommt endlich eine ernstzunehmende Problematik zur Sprache. Das Umweltbewusstsein. Der Waldschänder beschließt, die Pflanze nicht zu köpfen, sondern sie im Ganzen zu entführen um sie artentfremdet in seinen Garten zu versetzen. Da ist die nächste, und gottlob letzte Unglaubwürdigkeit des Gedichtes: „Zum Garten trug ich‘s am hübschen Haus“. Wer hat denn noch ein hübsches Haus und einen Garten ? Man wohnt in Zinskasernen oder Gemeindebauten, umkränzt von einer Betonwüste. Da wäre ein Blumentopf schon das höchste der Gefühle !

Wenn Sie also bereit sind, ihr Werk den modernen Gegebenheiten anzupassen, werden auch wir eine Neuverlegung in Betracht ziehen.

 

                                                                             XY

 

 Sehr geehrter Herr XY !

 In der Folge finden Sie das von mir den Gegebenheiten moderner Deutscher Lyrik angepasste Gedicht. Ich habe mich bemüht, soweit es der romantische Charakter des Inhaltes erlaubt, der neudeutschen Fäkaliendialektik zu entsprechen. Die Umweltkomponente habe ich, wie mir scheint, nun eindeutig beleuchtet.

Obwohl ein Gedicht in gereimter Form ordinär ist, habe ich doch nicht darauf verzichten wollen. Denn ordinär ist es jetzt sowieso schon.

  

Gefunden                                           geschunden

 

Ich ging im Walde                              Der rausch verflog,

So für mich hin,                                  ich ging in den park

Und nichts zu suchen,                         um mich zu erleichtern:

Das war mein Sinn.                             der harndrang war stark.

 

Im Schatten sah ich                            Und als es heraus war              

ein Blümlein stehn                               das ganze bier,

Wie Sterne leuchtend,                         sah ich eine blume:

Wie Äuglein schön.                            die pflück’ ich mir.

 

Ich wollt es brechen,                         Ich wollt’ sie brechen,

Da sagt’ es fein:                                  da schrie sie wie wild:

Soll ich zum Welken                           du blödes arschloch

Gebrochen sein ?                                was führst du im schild ?!

 

 

Ich grub’s mit allen                             Drum riß ich sie aus

Den Würzlein aus,                              und ich setzt’ sie genau

Zum Garten trug ich’s                         in den spalt im beton

Am hübschen Haus.                           vor’m gemeindebau.

 

Und pflanzt es wieder                         Dort steht sie nun und

Am stillen Ort;                                    vegetiert vor sich hin

Nun zweigt es immer                           weil ich halt leider

Und blüht so fort.                               eine umweltsau bin.

  

Und nun bitte ich Sie mit vorzüglichster Hochachtung, mich am Arsche zu lecken !

 

                                                          Johann Wolfgang von Goethe